Rentenwelle Sachsen fehlt der juristische Nachwuchs
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31. Dezember 2022, 05:00 Uhr
Insbesondere in Ostdeutschland wurden viele Juristen und Juristinnen in den 90er Jahren eingestellt. Das bedeutet, dass jetzt immer mehr ins Rentenalter kommen. Das hat Folgen, denn es gibt nicht genug Nachwuchs. In Sachsen gibt es schon jetzt zu wenig Personal. Mit diversen Anreizen wird versucht, die Lücke zu schließen – unter anderem mit einer hohen Bezahlung.
- Schon jetzt gibt es Personalmangel in der sächsischen Justiz
- Mandanten und Mandantinnen könnten es zukünftig schwer haben, rechtzeitig Rechtsbeistand zu finden
- Über bessere Bezahlung und Teilzeitmodelle sollen Juristen in Sachsen gehalten werden.
- Gründe für den Nachwuchsmangel sind der hohe Anspruch des Studiums und die Schließung der juristischen Fakultät in Dresden.
Die Welle ist schon lange abzusehen. In den nächsten Jahren wird ein großer Teil der Anwälte, Notare, Staatsanwälte und Richter in Sachsen in den Ruhestand gehen. Der Grund: Der größte Teil der Juristen in Ostdeutschland wurde in den 90er Jahren in die Justiz eingestellt oder ist als Anwalt in den Beruf gestartet. Jetzt kommen die Juristen ins Rentenalter. Das Problem: Es fehlt an Nachwuchs, der die frei werdenden Stellen füllen könnte.
Schon jetzt zu wenig Personal in sächsischer Justiz
Dabei ist die Lage an den sächsischen Gerichten schon jetzt kritisch, sagt Alexander Brech, Richter am Dresdner Sozialgericht und stellvertretender Vorsitzender des sächsischen Richtervereins: "Insgesamt gibt es zu wenig Richter und Staatsanwälte in der sächsischen Justiz, um die wachsenden Aufgaben in angemessenen Zeit bewältigen zu können." Auf dem Papier seien die Gerichte oft ausreichend besetzt, in der Praxis fehle aber oft Personal, sagt Brech.
"Es werden freiwerdende Stellen nicht schnell genug neu besetzt. Außerdem müssen immer mehr und komplexere Gesetze beachtet werden", erklärt der Richter. Hinzukommt, dass das hohe Alter der Richter zu großen Krankenständen führt. Eine Folge sind lange Verfahren. Auch in der Anwaltschaft wird die Rentenwelle rollen. Derzeit liegt das Durchschnittsalter der sächsischen Advokaten bei knapp 51 Jahren.
Längere Wartezeiten für Mandanten und Mandantinnen
Wenn nicht genug Nachwuchs nachkomme, werde sich das auch auf die praktizierenden Anwälte auswirken, sagt Sabine Fuhrmann. Sie ist Präsidentin der Rechtanwaltskammer Sachsen. "Was bedeutet das für die Anwaltschaft? Die Arbeit wird immer mehr, die Arbeitsbelastung wird eine größere und die Zeit, die ich habe, um sie meinen Mandanten zu widmen, die wird vielleicht auch immer geringer", sagt die Anwältin.
Das könnte künftig auch Auswirkungen auf die Rechtssuchenden haben. Sabine Fuhrmann erklärt, Mandanten drohten zu lange Wartezeiten auf einen Termin beim Anwalt. "Es gibt ja durchaus Situationen, die zeitkritisch sind. Ich bekomme einen Bescheid zugestellt und habe einen Monat Zeit, dagegen Widerspruch einzulegen". Wer es nicht schaffe, in dieser Zeit einen Anwalt zu finden, habe dann das Nachsehen.
Anreize für Nachwuchs-Juristen
Im zuständigen Justizministerium ist das Problem bekannt. In Sachsen gehen in den nächsten Jahren rund 500 Richter und Staatsanwälte in den Ruhestand. Deshalb bemühe man sich darum, die sächsische Justiz für junge Referendare attraktiv zu gestalten, sagt Staatsministerin Katja Meier: "Ihr Gehalt ist das höchste deutschlandweit, da haben wir gute Anreize geschaffen, damit sie ihr Referendariat in Sachsen machen und dann im besten Fall auch hier bleiben."
Es ist eine Riesenherausforderung insbesondere für den ostsächsischen Raum Leute zu finden.
Weitere Ansätze: Das Referendariat ist neuerdings in Teilzeit möglich. Flexibleres Arbeiten soll zudem die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erhöhen. Auch die erforderlichen Abschlussnoten für den Eintritt in die Justiz wurden bereits leicht abgesenkt. Die sächsische Justiz bemüht sich zudem nicht nur um Absolventen der Unis. Auch in der Anwaltschaft werden Juristen und Juristinnen für den Staatsdienst angeworben.
Das erhöht wiederum den Druck in der Anwaltschaft. Die Ministerin weiß um die Lage. Sie sagt: "Das Tischtuch, an dem wird von verschiedenen Seiten gezerrt. Einerseits von der originären Justiz, von der Anwaltschaft, von den Notaren." Aber man brauche natürlich auch in der öffentlichen Verwaltung, und nicht nur im Justizministerium, sondern in allen Ministerien, gute Juristen und Juristinnen.
Nachwuchsmangel hat viele Gründe
Die Gründe für den Nachwuchsmangel sind vielfältig. Zum einen ist da die demografische Entwicklung. Auf der anderen Seite steht ein anspruchsvolles Studium. Nur rund die Hälfte der Studienbeginner kommt beim ersten Staatsexamen an, das zweite Staatsexamen schaffen noch weniger. Es ist aber Zulassungsvoraussetzung für den Anwaltsberuf oder Richterstand.
In Sachsen kommt erschwerend hinzu, dass vor Jahren die juristische Fakultät in Dresden de facto geschlossen wurde. Und da sind sich die drei Juristen einig: Dies sei ein Fehler gewesen. Leipzig ist jetzt die einzige juristische Fakultät in Sachsen, die zum 2. Staatsexamen führt. Das hat vor allem Folgen für den Rest des Landes.
Katja Meier zufolge ist der Ausbildungsstandort in Leipzig ein sehr attraktiver Standort. Aber man brauche natürlich nicht nur Juristen in Leipzig und im Umfeld von Leipzig, sondern in allen Landesteilen. "Es ist eine Riesenherausforderung insbesondere für den ostsächsischen Raum Leute zu finden", sagt die Ministerin.
Schon Kinder sollen für den Beruf begeistert werden
Die kommenden Jahre dürften für Juristen und Rechtssuchende also schwierig werden. Richter Alexander Brech wünscht sich deshalb Entlastungen für die Justiz: "Dies kann etwa durch einfachere Gesetze, durch weniger Straf- und Bußgeldtatbestände, durch Verfahrenserleichterungen in den Prozessordnungen oder Beschränkungen von Rechtsmitteln erfolgen."
Ich denke, wir müssen sehr, sehr früh anfangen, für juristische Berufe zu werben, nicht erst um Abiturienten.
Anwältin Sabine Fuhrmann plädiert dafür, rechtzeitig das Berufsfeld bekannt zu machen: "Ich denke, wir müssen sehr, sehr früh anfangen, für juristische Berufe zu werben, nicht erst um Abiturienten." Man müsse da viel früher ansetzen: in den Schulen. Es gebe Rechtskundeunterricht und auch die Möglichkeit über Praktika Einblick in den Arbeitsalltag einer Anwältin oder eines Richters zu bekommen.
"Vielleicht müssen wir noch eher ansetzen. Auch Kinder haben ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl, auch da hat man Möglichkeiten früh anzusetzen und zu zeigen, dass wir Teil eines Rechtsstaats sind und es Menschen braucht, am diesen Rechtsstaat am Leben zu halten", sagt Sabine Fuhrmann. Sie hält ihren Beruf übrigens für einen der spannendsten überhaupt. Sie hofft, dass auch der Nachwuchs das erkennt.
Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | MDR AKTUELL RADIO | 27. Dezember 2022 | 05:00 Uhr