Wiederaufbau Trümmer vor Ort recyceln: Konzept aus Weimar für das Nachkriegs-Syrien

23. Februar 2025, 05:00 Uhr

Fast 15 Jahre Krieg haben aus vielen Städten in Syrien eine Trümmerwüste gemacht. Ein syrischer Baustoffexperte, der zurzeit in Weimar forscht und lehrt, schlägt für den Wiederaufbau ein Vorort-Recycling vor.

Trümmer, wohin das Auge blickt: "Über zwei Millionen Gebäude", schätzt Aref Al-Swaidani, wurden während des Krieges in Syrien zerstört. Diese Bilder ließen ihn schon lange nicht mehr los, der Krieg in der Ukraine und die großen Erdbeben in der Türkei und Syrien machten seine Forschung zu klimaneutralem Bauen und Zementersatz immer wichtiger.

Mann an einer Maschine
Aref Al-Swaidani will den Wiederaufbau Syriens vor allem mit dem dort überall herumliegenden Kriegsschutt bestreiten. Bildrechte: MDR/Ria Weber

Viele Kriegsjahre hatte Aref Al-Swaidani deshalb in Damaskus ausgehalten: Er wollte seine Arbeit fortführen und seine Studenten nicht im Stich lassen. Erst, als auch er ein Familienmitglied durch das Gewaltregime des Baschar al-Assad verlor, entschloss er sich vor zwei Jahren zur Flucht nach Deutschland.

Block
Der Betonwürfel zeigt, was möglich ist: Er besteht aus recycelten Baustoffen und Zementersatz. Der Vorteil: Bei seiner Herstellung entsteht deutlich weniger Kohlendioxid. Bildrechte: MDR/Ria Weber

"Recycling ist für Syrer seltsam"

Heute arbeitet Aref Al-Swaidani als Gastprofessor mit dem Institut für Angewandte Bauforschung, der Bauhaus-Uni und der Materialforschungs- und -prüfanstalt Weimar an Plänen für einen schnellen Wiederaufbau Syriens. Die Idee der Partner ist es, möglichst direkt aus den Trümmerhalden vor Ort heraus neue Gebäude entstehen lassen. 

Menschen sitzen an einem Tisch
Austausch zum gegenseitigen Vorteil: Der Syrer Aref Al-Swaidani (2. von links) ist ein ausgewiesener Experte für Zementzusatzstoffe. Das Weimarer Institut für angewandte Bauforschung (IAB) wiederum kennt sich besonders gut mit dem Recyclen und Sortieren von Baustoffen aus. Bildrechte: MDR/Ria Weber

Schon das Recycling vor Ort mit mobilen Brech- und Sortieranlagen wäre für das Land ungewöhnlich: "Recycling ist für Syrer seltsam. Ich war der einzige Lehrer für dieses Fach an der Universität von Damaskus", sagt Aref Al-Swaidani. Das Weimarer Institut für Angewandte Bauforschung hat bereits große Erfahrung mit diesen Maschinen und Methoden. Es testet sie seit Jahren im Auftrag der deutschen Bauindustrie.

Werkhalle
Riesige Maschinen zum Zerteilen von Bauschutt und der Herstellung innovativer Betone: Die "Laborräume" des IAB Weimar bieten Platz und Technik selbst für Versuche im industriellen Maßstab. Bildrechte: MDR/Ria Weber

Warum die Voraussetzungen günstig sind

Die Bauhaus-Universität Weimar wiederum bringt ihre Experten für Bau und Künstliche Intelligenz, die Prüfanstalt ihr Wissen um Werkstoffe ein. Gemeinsam mit der Landesentwicklungsgesellschaft wollen die Partner Ende April zu einem Workshop in Thüringen einladen. Dazu werden Vertreter aus Syrien, Katar und der deutschen Bauindustrie erwartet.

Männer betrachten Steine
Professor Tom Lahmer (l.) von der Bauhaus-Universität Weimar hat sich dafür eingesetzt, dass der syrische Experte Aref Al-Swaidani nach Weimar kommt. Bildrechte: MDR/Ria Weber

Professor Al-Swaidani kann es kaum erwarten, in sein Land zurückzukehren und mit dem Wiederaufbau durchzustarten. Die Voraussetzungen für ein großflächiges Recycling seien günstig. Anders als in westlichen Ländern wurden in Syrien vor allem Ziegel verbaut, ohne Asbestbelastung oder Verbundstoffe. In fünf bis zehn Jahren, schätzt er, wäre das mit den mobilen Recyclingeinheiten zu schaffen.

MDR (ls)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 22. Februar 2025 | 19:00 Uhr

9 Kommentare

hinter-dem-Regenbogen vor 5 Wochen

@Anita L.
Wenn die Menschen nicht mehr in Ihre Heimat zurückkehren und ich behaupte mal, dass es sich um mehrere Millionen Menschen handelt, dann wird das nichts mit dem Aufbau Syriens. Dann wird der Nahe Osten auch auf ewig ein Pulverfass bleiben . . . . und ob dort CO² eingespart wird oder der Feinstaub in den Strassen reduziert wird , interessiert in einem dauerhaft verarmten Land wie Syrien, dann erst recht niemanden.

PS:
Man muß sich in Europa und in Deutschland schon die Gedanken machen, wie die Welt einmal aussehen soll. Es wird aber mit Sicherheit kein Märchenland werden.
Auch Anita L. sollte mal darüber nachdenken , ob die Vielen entwurzelten, Heimatlos gewordenen Menschen in der Welt, mit einem Leben in der Diaspora, wirklich Glücklich sind.

Und der hier vorgestellte Wissenschaftler für moderne Baustoffe, kann sich in der Fremde mit seinem Wissen, auch nicht wirklich verwirklichen - In Syrien dagegen wäre er ein Held, im Wiederaufbau der zerstörten Städte.

Anita L. vor 5 Wochen

@hinter... Auch Ihnen noch einmal: Es ist nicht an Ihnen festzulegen, ob, wer und wie viele aus Syrien Geflohenen sich als Patrioten fühlen und in ihr Land zurückkehren. Und wer nicht zurückkehren will, muss sich vor niemandem rechtfertigen, erst recht nicht vor Ihnen.

hinter-dem-Regenbogen vor 5 Wochen

Es sollte der Wille eines gesunden Menschenverstandes sein, dass Syrien wie einst , ein wirtschaftlich starkes und souveränes Land wird, um endlich, nach über 70 Jahren, auf Augenhöhe, Frieden mit Nachbarland Israel schließen zu können.

Dieser Prozeß ist aber nur dann möglich, wenn die syrischen Fachkräfte und Akademiker sich in Syrien aufhalten, das Land wieder lieben lernen und mit ihrem, im Ausland gewonnnenem Wissen und Kapital , am Wiederaufbauprozeß teilnehmen.

Ich gehe mal davon aus, dass viele Syrier, weltweit verstreut , Patrioten sind , weshalb diese, um zu überleben, aus ihrer Heimat einst flüchten mussten.

Auch birgt eine so angestoßene Aufbaustimmung im Land, gute Gewinnmöglichkeiten für die Leute und den zurückkehrenden Unternehmen.

Das kann nur eine Chance sein, für den gesamten Nahen Osten.
Das sollten wir hier in Deutschland, auf keinen Fall blockieren.

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